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“Shopping Queen” und Co.: Warum der Feminismus stirbt

Jedes Mal, wenn ich mir Sendungen wie “Shopping Queen” ansehe, fühle ich mich wie in eine andere Welt versetzt. Frauen, die von Technik keine Ahnung haben wollen, ihren Männern hinterherräumen und sich in pinken Schlafzimmern verstecken – warum wegen solcher Serien der Feminismus stirbt und sie gleichzeitig ein Fenster in die Realität sind, erkläre ich hier. 

Frauen müssen Make-Up tragen, um gut auszusehen 

Wer die Sendung “Shopping Queen” nicht kennt: Fünf Kandidatinnen müssen innerhalb von vier Stunden und mit 500 Euro Budget das perfekte Outfit shoppen, das daraufhin von den Konkurrentinnen und dem Moderator der Sendung, Guido Maria Kretschmer, mit Punkten von 1 bis 10 bewertet wird. Zu dem perfekten Outfit gehört aber natürlich auch das perfekte Make-Up – oder das ist es, was uns die Sendung einreden will. Wenn die Kandidatinnen keine Zeit für Haare und Make-Up haben oder sogar nur den passenden Nagellack vergessen (How dare she!!!), werden sie abgestraft und es heißt Punkteabzug von der Jury.
Die Sendung will also Frauen jeden Alters vermitteln, dass sie Make-Up tragen müssen, um gut auszusehen und am besten noch ein Styling haben sollen, das anders ist, als sie es die Tage zuvor hatten. Es wird dadurch die Forderung deutlich, dass Frauen doch bitte jeden Tag lange Zeit im Badezimmer verbringen möchten, um den Anforderungen der Gesellschaft zu entsprechen, während Männer (unter anderem Guido Maria Kretschmer) jeden Tag dasselbe Styling und dieselbe Kleidung tragen dürfen und keinen stört es.
Ich halte solche vermittelten “Werte” vor allem für junge Zuschauerinnen für gefährlich, da ihnen eingeredet wird, dass es für Frauen nicht reicht, gepflegt zu sein und sich so zu lieben, wie sie sind, sondern dass man nur mit Make-Up schön sein kann und von der Gesellschaft akzeptiert wird. Studien haben übrigens gezeigt, dass langhaarige Frauen, die Make-Up tragen, eher einen Job bekommen als Kurzhaarige ohne Make-Up. In den Köpfen unserer Gesellschaft ist der Gedanke also schon tief verankert, dass nur eine aufgestylte, stereotype Frau kompetent sein kann. Individuelle Menschen dagegen werden von der Gesellschaft benachteiligt. Und Medien wie solche Fernsehserien tragen zu solch traurigen Denkbildern in den Köpfen vieler Menschen bei und festigen sie schließlich.


Der begehbare Kleiderschrank – oder: Bloß keine Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen 

In “Shopping Queen” wird natürlich Konsum propagiert – je mehr, desto besser – und ebenso, dass für Frau inzwischen nicht mehr nur die Markentasche oder der große Designer-Kleiderschrank DAS Statussymbol ist, sondern ein begehbarer Kleiderschrank. Mir ist aufgefallen, dass immer mehr Frauen einen begehbaren Kleiderschrank besitzen und ich frage mich: Haben manche Frauen keine anderen Interessen oder keine anderen Ambitionen in ihrem Leben, als nur Shoppen zu gehen?
Eine bekannte Feministin sagte einmal: Durch Konsum will das Patriarchat Frauen “beschäftigen” – sprich ablenken – und damit verhindern, dass sie die Welt mitgestalten. Und wenn man sich unsere Realität anschaut, dann sieht man: Es funktioniert. Die Welt wird hauptsächlich von alten Männern regiert, die meisten Politiker und Juristen sind männlich und formen demnach die Welt. Ich persönlich finde es sehr schade, dass manche Frauen ihr eigenes Potential nicht erkennen,  keine Verantwortung übernehmen wollen und sich stattdessen mit trivialen Sachen wie Shopping beschäftigen.
Wie es Ruth Bader Ginsburg einmal passend sagte: “Women belong in all places where decisions are being made.” Denn nur so wird nicht FÜR sie entschieden, sondern MIT ihnen. Es gibt kein Gesetz, dass Männer aktiv und Frauen passiv sein müssen (oder NOCH nicht…). Deswegen: Raus aus dem begehbaren Kleiderschrank und rein in die Realität!


Du musst Kinder bekommen, sonst bist du als Frau nichts wert 

Wenn jede Kandidatin in ihrer Wohnung über ihr Leben interviewt wird, kommt von dem “Shopping Queen”-Team zumeist zuerst die Frage “Bist du vergeben?”. Denn an die Seite von einer Frau gehört natürlich immer ein Partner, denn eine Single-Frau – wie erbärmlich! (/ironie off) Und wenn eine Frau dann einen Partner hat, kommt als nächstes die Frage “Habt ihr Kinder?” oder subtiler gefragt “Mit wem wohnst du sonst noch hier?”.
Wenn eine Frau dann keine Kinder hat – oh, oh! Lass dir schnell eine Ausrede einfallen, warum das so ist oder der Moderator schlägt dir sofort vor “Ach, ihr beide hättet doch sooo schöne Kinder” oder wenn eine Kandidatin eine schwule Shopping-Begleitung mitnimmt, kommt gleich die Warnung “DER kann aber nicht schwanger machen!” Meine Frage hier: Warum will “Shopping Queen” jede Frau schwanger machen? Sind Frauen nach Auffassung der Sendung nur Gebährmaschinen in einem süßen Outfit?
Aber die Propaganda in solchen Sendungen scheint zu funktionieren. Wie oft habe ich Frauen in “Shopping Queen” schon sagen hören “Ich bin gerade in Elternzeit”. Der Konsens in der Gesellschaft ist also: Bekomme ein Kinde, bleibe selbst zuhause (denn ein Mann kann natürlich nicht auf seine Karriere verzichten) und sehe dabei immer hübsch aus (und bloß den Nagellack nicht vergessen!).


Pink, pink, überall pink – und bitte das Geschirr noch spülen! 

Zu guter Letzt kommen wir zu dem Punkt Gender-Farben. Frauen, die in pinken Zimmern wohnen und ihre “Prinzessinnen”-Töchter ebenso in ein pinkes Zimmer stecken – ob sie es wollen oder nicht. So fragte ein kleines Mädchen bei einem “Shopping Queen Familien-Spezial” ihre Mutter frustriert: “Mama, warum kaufst du mir nur pinke Kleider? Du weißt doch, dass meine Lieblingsfarben lila und türkis sind.” Ja, Mama, warum kaufst du ihr nur pinke Kleidung und Frauen, warum versteckt ihr euch in pinken Zimmern?
Haltet ihr euch selbst und eure Töchter nur für passive Disney-Prinzessinnen, die in einem Traumschloss leben und darauf warten, von einem Mann gerettet zu werden? Wollt ihr euch nicht selbst retten, das Leben in die Hand nehmen und euer Farbschema bzw. euren Horizont einmal erweitern? Anscheinend nicht. So erzählte eine andere Kandidatin, die einen sozialen Beruf ausführt, in ihrem pinken Zimmer kürzlich bei “Shopping Queen”: “Ich räume für meine männlichen Mitbewohner die ganze Wohnung auf und koche für sie. Dafür kümmern sie sich um die technischen/IT-Probleme, wenn mal etwas kaputt geht. Davon verstehe ich als Frau natürlich nichts.” Hm nein, mit der Einstellung nicht.
Zum einen scheint die Arbeitsverteilung in diesem Haushalt sehr ungerecht verteilt: Aufräumen und Kochen tut man jeden Tag, aber ein technisches Gerät reparieren oder den neuen Drucker einrichten – keine Ahnung, vielleicht zweimal im Jahr? Zum anderen: Frauen, warum lasst ihr euch das gefallen? Warum verkauft ihr euch so unter Wert? Kein Wunder, dass Männer die Welt regieren, wenn putzende Frauen ihnen den Rücken freihalten.
Nach Studien leisten immer noch Frauen die meiste Care- und Hausarbeit und durch solche Sendungen wird das Stereotyp verbreitet, dass das normal ist. Frauen werden in pinken Zimmern dazu erzogen, mit pinken Puppen zu spielen, um sie schon als Kind auf ihr Mutterdasein oder ihre Dasein in sozialen Berufen vorzubereiten. Der gesellschaftliche Konsens ist weiterhin: Frauen sind sozialer, sollen sich soziale Berufe aussuchen, in denen sie schlecht verdienen und haben von Technik keine Ahnung. Sie sollen sich um die Kinder kümmern, putzen und sich bloß nicht selbst verwirklichen. Es wäre aber höchste Zeit, diese rosarote bzw. pinke Brille endlich abzulegen!


Fazit: Medien sind ein Produkt ihrer Zeit 

Man sollte nicht unterschätzen, welche Macht Geschlechterrollen, die in Medien verbreitet werden, haben. Aber es lässt sich auch immer eine Wechselwirkung zwischen Medien und der Gesellschaft beobachten. Geschlechterbilder z.B. im Fernsehen beeinflussen einerseits die Denkbilder in der Gesellschaft, aber gleichzeitig sind Medien auch Produkte ihrer Zeit und somit ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklung. Und wenn man sich die Realität vieler Frauen in “Shopping Queen” anschaut, ist dieses Spiegelbild sehr düster.
Gefühlt jede zweite Frau, die bei “Shopping Queen” mitmacht, ist entweder Make-up-Artistin/Friseurin oder Lehrerin/Erziehern – alles Berufe, die schlecht bezahlt werden und die typisch weiblich sind. Denn nach Sendungen wie “Shopping Queen” muss eine Frau 1. gut aussehen und 2. Kinder bekommen oder diese zumindest mögen. Durch solche Stereotype, die in Medien verbreitet werden, lassen sich Frauen auch in ihrer Berufswahl beeinflussen. So hatte eine Studie in den 1990er Jahren den so genannten “Scully”-Effekt nachgewiesen. Da es in der beliebten Serie “Akte X” eine Frau (Scully) gab, die Wissenschaftlerin ist, hatten Frauen in den USA plötzlich mehr MINT-Fächer studiert. Und in Deutschland/Österreich sind es durch Sendungen wie “Shopping Queen” eben mehr Friseurinnen und Kindergärtnerinnen.
Ich warte gespannt auf den Tag, wenn sich fünf Kandidatinnen bei “Shopping Queen” vorstellen und die erste Informatikerin ist, die zweite Professorin, die dritte Politikerin, die vierte Mechanikerin und die fünfte Richterin – aber das wird nicht passieren. Nicht, solange es solche Sendungen noch gibt. Es bräuchte viel mehr Shows, die unterschiedliche Frauentypen zeigen – zeigen, dass es nicht nur “die Frau” gibt. Es sind Sendungen von Nöten, die Geschlechterrollen subvertieren und jungen Frauen da draußen anspruchsvollere Vorbilder und Werte bieten – Sendungen, die sie motivieren, Abenteurerinnen statt regungslose Barbies zu sein.

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